Ausgangssituation

Durch die zunehmende Vielfalt von Bildungsangeboten im postsekundären und tertiären Bereich sowie die Dynamik in der Entwicklung neuer Berufe und der Änderung von Berufsbildern werden Bildungs- und Berufsentscheidungen für Maturantinnen und Maturanten immer komplexer. Die zahlreichen Möglichkeiten zur Kompetenzerweiterung und Qualifizierung erfordern eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, vor allem den eigenen Wünschen, Stärken und Chancen sowie deren Realisierungsmöglichkeiten im Berufsleben.

Die Entscheidung über den weiteren Bildungs- und/oder Berufsweg nach der Matura ist zwar – anders als dies in früheren Generationen noch weitgehend der Fall war – heute nicht mehr mit einer klar vorgezeichneten Berufskarriere verbunden, aber gerade deshalb zugleich nicht weniger bedeutend und aufgrund der damit verbundenen Unsicherheit oft besonders schwierig.

Viele Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich daher erst gar nicht vor der Matura mit diesen Zukunftsfragen. Studien zeigen, dass circa ein Viertel zum Zeitpunkt der Matura noch nicht einmal grundsätzliche Entscheidungen über den weiteren Bildungs- und Berufsweg – z.B. ob weiteres Studium oder nicht – getroffen haben. Viele entscheiden sich erst knapp vor Studienbeginn, immer mehr verschieben die Entscheidung und suchen eine „Zwischenlösung“.

Gut reflektierte Entscheidungen erhöhen jedenfalls die Chancen auf Erfolg. Die Fähigkeit, solche Entscheidungen treffen zu können, wird in Zukunft vermehrt auch von im Berufsleben stehenden Erwachsenen immer wieder benötigt werden. Grundkompetenzen wie Fähigkeit zur Selbstreflexion, Informationsverarbeitung und –bewertung, Entscheidungsfähigkeit und Lebens- und Karriereplanung können anhand gut begleiteter erster Bildungs- und Berufsentscheidungsprozesse erworben und gefestigt werden.

Es ist Aufgabe von Schule, diese Lernprozesse zu unterstützen und zu begleiten. Nicht im Rahmen eines einzelnen Unterrichtsfaches, sondern in gemeinsamer Verfolgung dieses Bildungsziels und in Verantwortung gegenüber den Absolventinnen und Absolventen: Qualitätsmerkmal von Schule ist auch die grundsätzliche Obsorge um das „Danach“, die Verwertung der vermittelten Bildung.

Statistiken und Berichte zu Bildung und Wissenschaft:
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Erwartungen von tertiären Bildungsinstitutionen an Maturant/innen

Noch mehr als Schulen sind die tertiären Bildungsinstitutionen sehr differenziert. Daher sind allgemeine Aussagen über die Erwartungen von tertiären Bildungsinstitutionen an Maturant/innen und – damit verbunden – wünschenswerte Schwerpunktsetzungen in der schulischen Ausbildung aus deren Perspektive sehr schwierig.

Da weiters nur sehr unklar vorhergesagt werden kann, welche spezifischen Qualifikationen und Kompetenzen in der Berufs- und Lebenswelt in Zukunft gebraucht werden, ist es Aufgabe von Bildungsinstitutionen, neben dem Erwerb spezieller Kenntnisse, die Fähigkeit, Wissen zu strukturieren, zu organisieren und zu beurteilen, zu vermitteln.

Die europaweit verfolgte Zielsetzung des „Lifelong Learning“ baut auf Lernbereitschaft auf, die sich in früher Kindheit entwickeln und bis ins hohe Lebensalter andauern soll. Zur Lernkompetenz gehören: offenes Neugierverhalten, Selbstvertrauen, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Wissenslücken aushalten, Komplexität erfassen, Zusammenhänge herstellen, Umwege wagen, Vorgaben prüfen, Widersprüche erkunden, mit Gehorsam und Widerstand balancieren, Vorbilder achten ohne zu idealisieren, beurteilen und entscheiden, beurteilen und entscheiden, beurteilen und entscheiden.

Schule kommt beim Erwerb dieser Kompetenzen eine Schlüsselrolle zu. Dies erfordert allgemein die Betonung des fördernden und motivierenden Charakters von Schule sowie spezielle Schwerpunktsetzungen in den Bereichen Ziel erreichendes Lehren und Lernen, individualisiertes Lernen, Betreuung und Beratung.

Da beim Studium an Universitäten und Fachhochschulen von den Studierenden meist ein wesentlich höheres Ausmaß an selbst gesteuertem Lernen als üblicherweise in der Schule verlangt wird, sollten höhere Schulen besonderes Augenmerk auf die Vermittlung der fachübergreifenden Metakompetenzen Zeitmanagement, Stressmanagement und Lerntechnik legen.

Entscheidung als Prozess

Bildungs- und Berufsentscheidungen sind wichtige Lebensentscheidungen. Die Entschei­dungssituation nach Beendigung der Schulausbildung kommt nicht überraschend. Es besteht also die Chance, sich rechtzeitig darauf vorzubereiten. Dies ist umso notwendiger, als sowohl auf der Seite der Bildungs- und Berufsmöglichkeiten als auch auf Seiten der persönlichen Voraussetzungen, Wünsche und Lebensumstände viele verschiedene, oft unklare und manchmal auch widersprüchliche Faktoren zu berücksichtigen sind.

Gerade aber die Einbeziehung der ganzen Persönlichkeit und die Gewinnung einer möglichst klaren Vorstellung von dem, wofür oder wogegen sich eine Person entscheidet, führt zu gut reflektierten ganzheitlichen Entscheidungen, die Erfolg versprechend sind. Entscheidungen brauchen also einerseits gute Vorbereitung, andererseits aber auch entschiedene Umsetzung.

Basierend auf entscheidungstheoretischen Erkenntnissen wird im Rahmen von key2success ein Entscheidungsmodell vorgeschlagen, das aus folgenden Schritten besteht

  1. Klarheit über eigene Ziele und Werte gewinnen
  2. Ideen entwickeln – Alternativen überlegen
  3. Informationen sammeln
  4. Alternativen bewerten, Konsequenzen abschätzen
  5. Entscheidung treffen
  6. Entscheidung umsetzen

Wichtige Prinzipien bei diesem Entscheidungsprozess:

 

Am Beginn stehen nicht mögliche Lösungen (=Realisierungsvarianten), sondern die Beschäftigung mit sich selbst

 

Der Ausgangspunkt für das Finden von Lösungen ist primär die eigene Persönlichkeit.

 

Informationsrecherchen erfolgen gezielt, im Hinblick auf die Erweiterung des eigenen Wissens und die Konkretisierung der Vorstellung von Realisierungsvarianten und deren Konsequenzen

 

Informationen müssen hinsichtlich der persönlichen Relevanz bewertet werden

 

Die Entscheidung selbst ist ganzheitlich zu fällen, einem Entscheidungsdruck durch genügend Vorbereitungszeit vorzubeugen

 

Die Umsetzung der Entscheidung ist Bestandteil des Entscheidungsprozesses

Dieses Entscheidungsmodell liegt dem Folder key2success sowie den in dieser Handreichung vorgeschlagenen Unterstützungsmaßnahmen durch die Schule zugrunde.

Zum Nachlesen:
Potocnik, R.: Entscheidungstraining zur Berufs- und Studienwahl. Verlag Hans Huber. Bern, 1990
Wittwer, W.: Kompetenzorientierte Beratung. In: Beratung aktuell 2000, S. 10ff.
Hier nachlesen

 

Kompetenzentwicklung und lebensbegleitendes Lernen

Bereits die derzeitige Situation in der Arbeitswelt, mit sich stark verändernden Qualifikationsanforderungen und Berufsprofilen, und die zu erwartende weitere Beschleunigung dieser Prozesse in der Zukunft führen für jede/n Einzelne/n zur Notwendigkeit, sich im Laufe des Lebens ständig weiterzubilden und sich immer wieder hinsichtlich des Berufsweges neu zu orientieren. In den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates von Lissabon (2000) wird bekräftigt, dass der erfolgreiche Übergang zur wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft mit einer Orientierung zum lebenslangen Lernen einhergehen muss. Dies hat tief greifende Konsequenzen für die Bildungs- und Berufsbildungssysteme und damit auch für die Gestaltung des Bildungs- und Berufsweges jedes und jeder Einzelnen.

Einige für die Berufs- und Bildungswahl wichtige Entwicklungen in diesem Zusammenhang:

 

Die persönlichen Kompetenzen sind die entscheidenden Orientierungshilfen für Berufskarrieren

 

Die Kompetenzentwicklung erfolgt in vielfacher Weise (formales Lernen in Bildungsinstitutionen, aber auch nicht-formales Lernen durch Erfahrungen aus unterschiedlichen Tätigkeiten, persönlichen Initiativen, Interessen…)

 

Phasen des Lernens und der Beschäftigung wechseln einander ab bzw. gehen bisweilen ineinander über

 

Es gibt mehrere Wege zu formalen Abschlüssen

 

Abschlüsse bei verschiedenen Bildungsinstitutionen (z.B. auch bei Universitäten) unterscheiden sich stärker als früher in ihrer inhaltlichen Ausrichtung

Die Aufgabe der Planung des eigenen Bildungs- und Berufsweges wird durch diese Entwicklungen komplexer und individueller. Eine einmal getroffene Entscheidung reicht nicht aus: Es sind immer wieder neue Entscheidungen nötig.

Hintergrund:
Vorschlag für eine Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates zu Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen (siehe vor allem Anhang)
Hier nachlesen

 

Ziele von key2success

Die Initiative key2success verfolgt folgende drei Hauptziele:

1.   Sensibilisierung der Maturant/innen für Fragen der Bildungs- und Lebensplanung und den Prozesscharakter von Entscheidungen
Schülerinnen und Schüler sollen bereits ab dem vorletzten Schuljahr (7. Klasse AHS, IV. Jahrgang BHS) dafür sensibilisiert und dazu motiviert werden, sich mit eigenen Zukunftsfragen zu beschäftigen. Es soll ihnen dabei gezeigt werden, dass Bildungs- und Berufsentscheidungen Prozesse sind, für die man sich Zeit nehmen muss und bei denen man sich mit der Lösung (=der tatsächlichen Entscheidung) nicht am Anfang, sondern erst ganz am Schluss beschäftigen sollte.

2.   Sicherstellung der flächendeckenden Grundinformation von Maturant/innen über Bildungsalternativen nach der Matura
Durch die flächendeckende Verteilung des Folders „key2success“ samt entsprechender Erläuterung durch eine/n Schüler- bzw. Bildungsberater/in soll diese Grundinformation sichergestellt werden.

3.   Sensibilisierung der Schulen: Die Unterstützung der Bildungs- und Berufsentscheidung von Absolvent/innen ist ein wichtiger Teil der Schulqualität.
Durch die Initiative und die begleitenden Informationen und Materialien soll das Anliegen erklärt und Schulen zur Setzung von zusätzlichen Aktivitäten, Projekten, Schwerpunktsetzungen und dgl. motiviert werden.