Vernetzungstreffen 2011

Am Freitag, den 25. November 2011, trafen sich die Stakeholder und Partnergruppen der "Weißen Feder" zum vierten Vernetzungstreffen im Tagungszentrum Schönbrunn in Wien, um sich in erster Linie über sekundärpräventive Maßnahmen zur raschen Eindämmung und Beendigung von gewaltbereitem Verhalten in Schulen auszutauschen.
 
Als Einstimmung auf das Vernetzungstreffen ermöglichte ein Marktplatz die Besichtigung aller Teilprojekte der „WEISSEN FEDER“, die von den einzelnen Projektleiterinnen und Projektleitern betreut und vorgestellt wurden. Eröffnet wurde die ganztägige Veranstaltung mit einem Einstiegsspot der Musikhauptschule Zell am See und den Begrüßungsworten von Frau Bundesministerin Dr.in Claudia Schmied, die ein lernförderliches sowie wertschätzendes schulisches Zusammenleben, das von allen Schulpartnern gemeinsam getragen wird, als einzige Lösung sieht, um alle Kräfte für die Gewaltprävention und Konfliktlösung mobilisieren zu können.
 

"Schule ist ein Ort der Disziplin, Leistung, Freude und Wertschätzung, wo Gewalt keinen Platz einnehmen darf. Um dem Ziel der Generalstrategie der "WEISSEN FEDER" -Gewalt an den Schulen vorbeugend zu vermeiden- näher zu kommen, soll nicht "law and order", sondern Vereinbarungskulturen und Stärkung der ICH-Identität im Vordergrund stehen", betonte Frau Bildungsministerin Schmied vor über 120 TeilnehmerInnen.
 
Die prägnanten Darstellungen sowie inhaltlichen Ausführungen der Teilprojekte am Marktplatz ermöglichten einen sehr guten Einblick in die Angebote an den Schulen im Rahmen der „Weißen Feder“ und „Macht|schule|theater“, mit denen im Vorfeld Konflikten und Gewalt entgegengewirkt wird. Es folgt ein Auszug der umfangreichen Aktivitäten:

  • Das schulische Beratungsangebot wurde bundesweit um 48 zusätzliche PsychologInnen erweitert. Diese führen als MitarbeiterInnen des Österreichischen Zentrums für psychologische Gewaltprävention im Schulbereich (ÖZPGS) primäre, sekundäre und tertiäre schulische Gewaltpräventionsmaßnahmen durch.
  • Die Erfüllung der Aufgaben erfolgt in enger Abstimmung und Kooperation mit anderen öffentlichen Diensten im Schulbereich, insbesondere der Schulpsychologie-Bildungsberatung.
  • Für Pädagoginnen und Pädagogen gibt es eine Vielzahl von Fortbildungsangeboten an den Pädagogischen Hochschulen.
  • Der Ausbau der Schulsozialarbeit erfolgt über Pilotprojekte in jedem Bundesland.
  • Am Projekt „Faustlos“ beteiligen sich 1.070 Volksschulen, wobei der Erfolg des Projekts durch Studien bestätigt wurde.
  • In knapp 800 Schulen der Sekundarstufen I und II gibt es Peer-Mediation und ähnliche Projekte, die laut übereinstimmenden Berichten zum massiven Rückgang von Gewaltphänomenen an diesen Schulen geführt haben.
  • Bundesweit kooperieren derzeit 26 Theater mit jeweils mindestens zwei Schulen und arbeiten erfolgreich das Thema kreativ auf.
  • Inzwischen wurden Verhaltensvereinbarungen an zwei Drittel der Schulen unter Einbeziehung aller Schulpartner erarbeitet. Dabei werden gemeinsam vereinbarte Konsequenzen von bestimmten Handlungen fixiert und für jede/n Schüler/in vorhersehbar dargestellt. Von Seiten der Expertinnen und Experten ist es pädagogisch weitaus sinnvoller und wirksamer als das Vorleben von Sanktionen.
  • Erfahrungsberichte jener Schulen, die sich aktiv an den Programmen gegen Gewalt wie "Faustlos" in der Volksschule beteiligen, verdeutlichen, dass mittels Dialog und Kooperation diese Phänomene am wirkungsvollsten bekämpft werden können.

Im Anschluss an die Eröffnungsrede wurde der Vormittag mit der Präsentation von Univ.-Prof.in DDr.in Christiane Spiel, Fakultät für Psychologie der Universität Wien, über die aktuellen Ergebnisse einer Studie zu Wissen und Einstellungen von Lehrpersonen und Eltern zu Gewalt in der Schule, eingeleitet.
 
Als sehr positiv anzusehen ist, dass

  • beide Gruppen, Eltern sowie LehrerInnen, Gewalt in der Schule sehr ernst nehmen;
  • 61 % der Eltern und 75 % der Lehrpersonen bereit sind, an einem Gewaltpräventionsprogramm in der Schule mitzuwirken;
  • die in den letzten Jahren gestiegene Internetnutzung von 98 % der Eltern mit Medienerziehung und zeitlicher Beschränkung beantwortet wird. 73 % der Eltern, deren Kinder zuhause das Internet nutzen, geben an, dass diese über einen eigenen Anschluss verfügen.

 
 
Daraufhin referierte Dr.in Gertrude Bogyi von der Medizinischen Universität in Wien, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, über Möglichkeiten der Interventionen bei auffälligen und gewaltbereiten Jugendlichen.
 

Jugendliche, die sich oder ihre Umwelt attackieren, Personen ebenso wie Sachen, zeigen ein auffälliges und gewaltbereites Verhalten in der Regel auf Grund einer früheren Traumatisierung. Ein integriertes Selbst- und Objektkonzept ist nicht vorhanden. Die wesentlichsten Merkmale sind eine umfassende Diagnostik, multiple Therapiekonzepte sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit.
 
  
Abschließend erläuterte HR Dr. Hans Henzinger, Schulpsychologie-Bildungsberatung Tirol, die Bedeutung regionaler Netzwerke für die Umsetzung der Generalstrategie.
 

Um ein wirksames Netzwerk "Für Fairness und gegen Gewalt" errichten zu können, sind insbesondere der Aufbau einer hilfreichen Metastruktur, die Nutzung aller vorhandenen Ressourcen sowie die Entwicklung von adäquaten Angeboten für den Einsatz in Klassen bzw. an Schulen essenziell. 
Relevant ist, nicht die eigene Einrichtung in den Vordergrund zu stellen, sondern den Kooperationspartnern die Berührungsängste zu nehmen und den Fokus auf das gemeinsame Anliegen zu richten.
 
 
 
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten nach jedem Vortrag die Gelegenheit, Fragen an die ReferentInnen zu richten. Einen Eindruck zu den einzelnen Präsentationen erhalten Sie hier:

Vortrag Univ.-Prof.in DDr.in Christiane Spiel

Vortrag Dr.in Gertrude Bogyi

Vortrag HR Dr. Hans Henzinger
 

Eine anschließende Mittagspause wurde nicht nur zur eigenen Stärkung genutzt, sondern auch um die Vernetzung untereinander weiter fortzusetzen.
 

Im Mittelpunkt des Nachmittages, der in bewährter Weise von Mag.a Vera Popper gestaltet und moderiert wurde, stand die „Aktive Netzwerkarbeit“ und diesmal insbesondere das Aufzeigen von Erfolgsfaktoren sowie Stolpersteinen in der Schnittstellenarbeit von Schule, Psychologie und Medizin anhand von drei konkreten Beispielen.
 


Die folgenden drei Fallbeispiele wurden von VertreterInnen der Schule, Medizin und Psychologie aus dem Bundesland Innsbruck vorgetragen:

  • BG/BRG Sillgasse:
    Vorgestellt wurde von Direktor Mag. Harald Pittl, Schulärztin Dr.in Ingrid Rohracher und ÖZPGS-Psychologin Mag.a Petra Sansone der Ablauf der Zusammenarbeit im Fall einer 12-jährigen Schülerin und anschließend eines 10-jährigen Schülers mit Suizidankündigung bzw. Suizidversuch in der Schule.
  • BRG In der AU:
    Anschließend wurde die Kooperation von Schule, Medizin und Psychologie im Falle eines 10-jährigen Schülers mit Asperger Autismus berichtet. Das Asperger Syndrom ist vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Asperger-Autisten erscheint für andere „merkwürdig“ und ungeschickt.
     

Anhand dieser Fallbeispiele wurden sehr anschaulich sowohl Faktoren für eine gute Kooperation zwischen Kinder- & Jugendpsychiatrie und Schulen als auch erforderliche Strukturen für die Unterstützung von Lehrpersonen im Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern erläutert. Den Anwesenden bot sich die Möglichkeit, sich in den anschließenden Diskussionsrunden mit den PräsentatorInnen der Fallbeispiele zu vertiefen, Erfahrungen auszutauschen und weiterzuentwickeln.
 
Abschließend widmeten sich alle VertreterInnen der Eltern, Schüler und Lehrer, Funktionäre der Personalvertretung und ExpertInnen aus Pädagogik, Psychologie und Jugendwohlfahrt sowie Kinder- und Jugendanwälte der Beantwortung von zwei zentralen Fragen:
 
Welche Strukturen braucht es, um Lehrpersonen im Umgang mit schwierigen SchülerInnen zu unterstützen?

Ergebnisse:

  • standardisierte Ablaufpläne für Problemsituationen auf allen Ebenen im Schulsystem
  • verfügbare Krisen- und Notfallpläne für alle Personen an der Schule
    Förderung des Gemeinschaftssinns in der Schule und der Teamkultur auf Ebene der Lehrkräfte
  • fixierte Termine (Sprechtage) des schulpsychologischen Dienstes
     

Wie kann man Strukturen schaffen, die Lehrpersonen im Umgang mit schwierigen SchülerInnen unterstützen?
 
Ergebnisse:

  • attraktive Gestaltung der LehrerInnenfortbildung und LehrerInnenausbildung in Bereichen der Psychologie, Persönlichkeitsbildung, Teambildung, etc.
  • klare Strukturen in der internen und externen Vernetzung sowie im Ablauf von Benachrichtigungen
  • Schaffung von Kooperations- und Verhaltensvereinbarungen für die gesamte Schule
  • bessere Eingliederung von schulexternen Institutionen wie Tagesbetreuung, Jugendamt, -zentren, etc.

Die Ergebnisse jeder Diskussionsrunde wurden im Plenum zusammenfassend vorgestellt.
 
 
Zum Abschluss des Vernetzungstreffens resümierte Projektleiterin Dr.in Beatrix Haller über die wichtigsten Ergebnisse und konkretisierte aus Sicht des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur die nächsten Schritte:

  • Im Sinne der Nachhaltigkeit sollen Projekte mit entsprechendem Potenzial dauerhaft an Schulen implementiert werden.
  • Umsetzung von WiSK durch die Schulpsychologie-Bildungsberatung und den Verein ÖZPGS
  • Weitere Fortbildung der ÖZPGS-PsychologInnen in enger Zusammenarbeit mit der Schulpsychologie
  • Vernetzungstreffen 2012 im Rahmen einer internationalen Konferenz zum Thema „Cybermobbing“ am 19. Oktober 2012, organisiert von Univ.-Prof.in DDr.in Christiane Spiel


 
Am Vernetzungstreffen 2011 waren folgende Partnergruppen vertreten:
SchülervertreterInnen, ElternvertreterInnen, LehrervertreterInnen, Beratungs- und BetreuungslehrerInnen, PsychagogInnen, SchulsozialarbeiterInnen, VertreterInnen der Pädagogischen Hochschulen, der Schulaufsicht, der Kinder- und Jugendanwaltschaft, der Wissenschaft, der Ministerien, des schulärztlichen Dienstes, der Schulpsychologie-Bildungsberatung und des gewaltpräventiven Vereins ÖZPGS:
 
Das Rahmenprogramm des Vernetzungstreffens 2011
 
Teilprojekte der Weißen Feder
 
Abstracts zu den Vorträgen:
Univ.-Prof.in DDr.in Christiane Spiel
Dr.in Gertrude Bogyi
HR Dr. Hans Henzinger

QUICKINFOS:

Selbstevaluationsinstrumente für Schulen

Informationen zum Thema Cybermobbing: hier