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Terroranschlag in Wien - Wie darüber reden?

Umgang mit Betroffenheit und Unsicherheit

Wenn Schüler/innen auch nicht direkt von der Katastrophe erfasst worden und Augenzeuge waren, ist Betroffenheit über die Ungeheuerlichkeit bei Kindern und Jugendlichen sicherlich weit verbreitet.


Damit einher kann eine traumatische Belastung gehen, die sich aus mehreren Umständen ergibt: Durch die Medienberichte haben Kinder und Jugendliche die Verzweiflung und Panik von Menschen mitbekommen sowie das Ausmaß der ungeheuerlichen Gewalt, ebenso belastend ist die Unerwartetheit der Ereignisse - der Einbruch in den Alltag.

Gleichzeitig ist zu betonen, dass trotz aller Ähnlichkeit der Folgen dennoch ein klarer Unterschied zwischen der direkt erlebten und der medial vermittelten Katastrophe besteht. Letztere kann ebenfalls Belastungen bewirken, die aber nur ähnlich (Fachausdruck "traumatoform") sind und sicher generell im Schweregrad günstiger zu beurteilen sind. Es gilt daher, die Belastungssituation nicht zu unterschätzen, aber auch nicht aufzuheizen.

Die persönliche Befindlichkeit der Kinder/Jugendlichen vor und während der Ereignis-Wahrnehmung ist zu berücksichtigen. Kinder/Jugendliche mit einem guten sozialen Netz und einer starken inneren Ausgeglichenheit werden die Situation eher meistern als solche mit einer latenten oder schon manifestierten Unsicherheit.

Die Folgen einer traumatischen Erfahrung können weitreichend sein: Von Konzentrations- und Schlafstörungen bis hin zu vegetativen Störungen. Es kann zu einer schockbedingten Übererregung oder Apathie kommen. Das Erleben der Hilflosigkeit (keine Kontrolle über die Außenwelt besitzen) kann eine No-future-Mentalität noch verstärken.

Was Eltern und Lehrer/innen tun können: Wichtig ist die innere Stabilisierung durch miteinander Reden, Informieren über den Hergang und den Tatbestand (immer unter Bedachtnahme des Alters und der Aufnahmekapazität der Kinder/Jugendlichen – daher nur solche und so viel Information und Details, dass diese verarbeitet werden können).

Weiters ist wichtig, die durch das Ereignis bewirkten Gefühle zur Sprache zu bringen, darüber zu reden. Dies hilft mit, dass die Gefühle nicht "unterirdisch" weiterarbeiten, sondern ausgedrückt werden. Außerdem zeigt es den Kindern/Jugendlichen, dass es anderen auch so geht, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind.

Wichtig ist, Hilflosigkeits-, Haltlosigkeit- und Hoffnungslosigkeitsgefühle zu bekämpfen, indem man bespricht, was einerseits jetzt unternommen werden wird – auch zur Vermeidung zukünftiger derartiger Ereignisse; indem man andererseits auch bespricht, wie jeder von uns sich in Katastrophenfällen verhalten sollte. Der "Haltlosigkeit" kann man entgegenwirken durch den Hinweis auf das Zusammenhelfen oder auch durch die Solidaritätskundgaben der anderen Staaten. Der Hoffnungslosigkeit ist gegenüber zu treten durch Hinweise, dass es im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer wieder Katastrophen gegeben hat, dass aber auch immer wieder daraus gelernt wurde, so wie auch jetzt daraus zu lernen ist.


WAS SOLL MAN KINDERN IM ZUSAMMENHANG MIT KATASTROPHEN ERKLÄREN?

  • Kleinere Kinder (bis etwa Ende Kindergarten) spüren die "dicke Luft", sie nehmen die belastete Atmosphäre wahr, auch wenn sie nicht verstehen, warum das so ist. Weil sie rasch dazu neigen, die negative Stimmung der Eltern auf sich zu beziehen, sollte man ihnen erklären, dass diese nicht mit ihnen zusammenhängt, sondern es unabhängig davon etwas gibt, was den Eltern Sorgen macht. Dies entlastet die Kinder merklich.

  • Größere Kinder (bis etwa 5. Schulstufe) verstehen schon, dass etwas Schreckliches passiert ist. Manchmal sind sie interessiert an "Statistiken": Wie viele Tote, auf welche Arten etc.? Diesem Informationsbedürfnis sollte man eher nicht nachkommen, sondern in einer Sprache, die diese Kinder verstehen können, erklären, was passiert ist. Dabei ist aber auf das Gleichgewicht zu achten: Ausschließlich negative Informationen können unausweichliche Angst hervorrufen. Man muss erklären, dass gleich nach dem Ereignis viel Positives getan wird, um mit der Katastrophe fertig zu werden. Es hat keinen Sinn, die Kinder von Medien fern zu halten: Man kann und soll die Welt nicht verstecken, sondern bearbeiten!

  • Ältere Kinder/Jugendliche verstehen, was passiert ist. Ihnen muss man helfen, damit die drei "Krisenmacher"- die Gefühle der Hilflosigkeit, Haltlosigkeit und Hoffnungslosigkeit - nicht ausufern. Jeder, aber vor allem unsere Kinder und unsere Jugend haben ein Recht auf Optimismus und auf Zukunft. Man darf nicht die no-future-Mentalität noch verstärken. Man soll stattdessen aufzeigen: Die Hilflosigkeit war anfangs da, aber jetzt wird viel unternommen, auch in Zukunft kann man Krisenpläne ausarbeiten, Schutzmaßnahmen verstärken, etwas für den Frieden tun. Das Gefühl ohne Halt zu sein, allein, wird gerade jetzt in der Welt aufgehoben durch viele gegenseitige Hilfsaktionen, freiwillige Blutspenden, Unterstützungen aller Staaten. Auch die Hoffnungslosigkeit kann gebremst werden: Immer wieder hat es in der Menschheitsgeschichte menschlich und anders verursachte Katastrophen gegeben und immer haben die Menschen den Weg aus der Krise geschafft.

Wann sind diese Erklärungen besonders wichtig?
Wenn die Kinder einen plötzlichen Verhaltensknick zeigen, d.h. plötzlich anders sind - unruhig, überregt oder apathisch, verstummt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass sie seelisch belastet sind und Hilfe brauchen.


Die beste Hilfe
Sie besteht im sachlichen, verständlichen, ausgewogenen Informieren und im Darüber-Reden: Wenn Gefühle zur Sprache kommen können, dann kann man sie besser handhaben; dann fühlt man sich auch nicht mehr allein, sondern in einer Gemeinschaft mit den anderen.

Weitere Hinweise zum Umgang mit Radikalisierung und damit zusammenhängenden Gewaltphänomenen finden Sie hier.

Spezielle Unterstützung für Wiener Schulen

Der jeweilige schulpsychologische Dienst bietet Schulen im Bedarfsfall bundesweit Unterstützung bei der Aufarbeitung der Ereignisse an. 

Im besonders betroffenen Bundesland Wien hat die Wiener Schulpsychologie dazu ein eigenes Informationsblatt mit Hinweisen und den enstprechenden Kontaktadressen erstellt.

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